Vertikales Wiki

Hier finden Sie zentrale Begriffe, Namen, Themen und Methoden rund um Ich-Entwicklung und Vertikale Entwicklung sowie deren Anwendung jeweils kurz beschrieben. Damit möchten wir Ihnen helfen, sich einen Überblick zu diesem Forschungs- und Beratungsfeld zu verschaffen und gezielt zu informieren.

Wenn Sie unsere Beschreibungen öffentlich nutzen, machen Sie bitte diese Quelle kenntlich.

A

Abwehrmechanismen

Spezifische unbewußte Vorgehensweisen, mit denen ein Mensch sich vor potentiell für sein „Ich“ bedrohlichen Einflüssen schützt. Erstmalig von der Psychoanalytikerin Anna Freud 1936 in ihrem Buch „Das Ich und seine Abwehrmechanismen“ grundlegend beschrieben, später auch empirisch erforscht und nach Reifegraden klassifiziert.

Akkomodation

Ein von Jean Piaget geprägter Begriff: Das Verändern und Anpassen der bisherigen Denkstruktur an neue Erfahrungen.

Assimilation

Ein von Jean Piaget geprägter Begriff: Das Verarbeiten und Integrieren neuer Erfahrungen gemäß der bisherigen Denkstruktur.

Autonomie

Die Selbstbestimmung eines Menschen, d.h. in der Lage zu sein, sich so zu verhalten und das zu tun, was man selbst will – unabhängig von sozialem Druck. Je nach jeweils erreichter Stufe der Ich-Entwicklung verändert sich das Bedürfnis nach Autonomie, die Inhalte, auf die sich dies bezieht sowie die Fähigkeit dies überhaupt wahrnehmen zu können.

B

Bereiche der Ich-Entwicklung

Ich-Entwicklung beinhaltet ein breites Feld verschiedener aufeinander bezogener, miteinander verwobener Persönlichkeitsaspekte. Die Vielzahl von Aspekten, die sich in der Ich-Entwicklungssequenz zeigen, kann man vier Bereichen zuordnen: Charakter, Interpersoneller Stil, Bewusstseinsfokus und Kognitiver Stil.

Bewusst Entwicklungsorientierte Organisation (BEO/DDO)

Eine Organisation, die systematisch darauf angelegt ist, die vertikale Entwicklung ihrer Mitarbeiter, Führungskräfte und des gesamten Unternehmens kontinuierlich und umfassend zu fördern. Von Robert Kegan (Harvard) anhand von Fallbeispielen erforscht und in ihren Funktionsprinzipien beschrieben (Deliberately Developmental Organization = DDO)

Bewusstseinsfokus

Einer der vier Bereiche der Ich-Entwicklung, in denen sich über die verschiedenen Entwicklungsstufen hinweg eine Vielzahl von Aspekten verändert. Bewusstseinsfokus bezieht sich auf das, worauf sich die Gedanken einer Person hauptsächlich richten und um welche Themen beziehungsweise Aspekte sie kreisen.

Big Five der Persönlichkeit

Empirisch über Jahrzehnte (vor allem Faktorenanalytischer Forschung) sich herauskristallisierende grundlegende Struktur der Persönlichkeit. Die Big Five umfassen folgende fünf Eigenschaften: Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrungen, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit.

C

Change Management

Umfangreiches Set von Modellen und Instrumenten, um Veränderungsvorhaben in Organisationen zu initiieren, zu planen, zu starten, umzusetzen, zu stabilisieren und gesamthaft zu steuern.

Charakter

Einer der vier Bereiche der Ich-Entwicklung, in denen sich über die verschiedenen Entwicklungsstufen hinweg eine Vielzahl von Aspekten verändert. Charakter bezieht sich auf den Umgang mit eigenen Impulsen und eigenen wie fremden Maßstäben.

Cook-Greuter, Susanne

Schweizerisch-Amerikanische Expertin in Ich-Entwicklung. Zunächst Studium der Linguistik, Mitarbeit in vielen Forschungsprojekten und Anwendungen mit dem von Jane Loevinger entwickelten WUSCT, später Promotion zu späten Stufen der Ich-Entwicklung an der Harvard University, damit feinere Differenzierung des postkonventionellen Levels, Gründungsmitglied des Integral Institute mit Ken Wilber.

D

Dreiklang vertikaler Organisationsentwicklung

Ein von T. Binder entwickelter Interventionsansatz, der vertikalen Organisationsentwicklungsprojekten zugrunde liegt. Dieser besteht in dem permanenten aufeinander Beziehen und kontinuierlichem „Verweben“ der drei Ebenen Organisation, Team und Individuum und dies zusammen mit einer vertikalen Entwicklungsorientierung: sowohl in der Prozessarchitektur, den Interventionsdesigns als auch im Prozessgeschehen eines OE-Projekts.

Debriefing zum Ich-Entwicklungs-Profil

Eine Auswertungssitzung von ca. 3-4h, die dazu dient, in eine tiefe eigene Auseinandersetzung mit den Ergebnissen zu gelangen. Diese werden gemeinsam durchgegangen und aufkommende Fragen dazu geklärt. Dabei wird herausgearbeitet, worin die nächsten zwei bis drei persönlich relevanten konkreten Entwicklungsaspekte bestehen können, die sich aus der derzeitigen Position und spezifischen Ausgestaltung in der Ich-Entwicklungssequenz ergeben.

Developmental Aspects Deep Dive©

Eine vertikales Entwicklungsinstrument (nach T. Binder), mit der man ausgewählte Aspekte der eigenen Ich-Struktur (resultierend aus einem Ich-Entwicklungs-ProfilÔ mit Debriefing) tiefgehend und umfassend reflektiert. Dadurch gelangt man zu einem persönlichen Ich-Entwicklungsplan, der einem hilft, gezielt an diesen Entwicklungsaspekten in seinem Leben zu arbeiten.

Dialektische Denkformen

Werkzeuge des Denkens, die über rein formales Denken (i.S.v. Jean Piagets kognitiver Entwicklung) hinausgehen. Sie gründen in einem offenen und sich stets verändernden Verständnis des Seins (Ontologie) und des Erkenntnisgewinns (Epistemologie). Michael Basseches (1975) machte dialektisches Denken in seinem Werk „Dialectical thinking and adult development“ erstmals empirisch überprüfbar. Otto Laske erweiterte die dort beschriebenen Denkformen später. Die Entwicklung dialektischen Denkens kann als eigener Entwicklungsstrang im Bereich der Kognition angesehen werden. Bei Menschen auf späten (postkonventionellen) Ich-Entwicklungsstufen tritt dies verstärkt auf.

E

Entwicklung

Von Entwicklung vs. Lernen (im entwicklungspsychologischen Sinn) spricht man, wenn ein Mensch sich nicht nur etwas Neues aneignet (lernt), sondern dauerhaft in der Lage ist, dies aus einer differenzierteren, integrierteren und flexibleren Ich-Struktur heraus einzusetzen (z.B. weniger Ich-bezogen, prozessorientierter, mehr Perspektiven integrierend). Viele kleinere Entwicklungen können dann dazu führen, dass ein Mensch ein fundamental anderes Funktionsniveau seiner Persönlichkeit erreicht (einen Schritt in eine nächste Ich-Entwicklungsstufe).

Entwicklungs-Balance Berater:in – Kund:in

Das Verhältnis zwischen dem Ich-Entwicklungsniveau von Berater:innen/Coaches und dem Ich-Entwicklungsniveau ihrer Kund:innen. Je nach vorhandener Konstellation (früher – später, beide gleich, später – früher) wird dies Auswirkungen haben, welche Beratungsergebnisse wahrscheinlich sind und welche nicht.

Entwicklungscommitment

Eine Selbstvereinbarung auf individueller oder Gruppenebene mit Fokus auf wenige zentrale Entwicklungsaspekte, die man für sich herausarbeitet und veröffentlicht, um gezielt persönliches Wachstum zu fördern.

Entwicklungsebenen

Verschiedene Niveaus von vertikaler Entwicklung, auf denen ein Mensch oder soziales System funktioniert: präkonventionell, konventionell, postkonventionell.

Entwicklungsbezogenes Feedback

Ein Feedback zu Entwicklungsaspekten, die dem Gegenüber Teile seiner derzeitigen Ich-Entwicklungsstufe unmittelbar bewusst macht. Die Grundidee dahinter ist, dass einem Menschen seine Ich-Struktur aus der gerade gehandelt wird, nur bedingt bewusst ist und ihm dadurch ein Zugang verschafft wird, diese planvoll erweitern zu können.

Entwicklungs-Formel

Diese zeigt die notwendige Balance zweier Faktoren an, die in einem sozialen System gegeben sein müssen, um vertikale Entwicklung optimal zu ermöglichen (E = A + K). Sie dient als Ausgangspunkt, um die jeweiligen Gewichte dieser Faktoren zu hinterfragen und in ein Gleichgewicht zu bringen.

Entwicklungs-Interventionen

Interventionen, die nicht in erster Linie dazu dienen, bestimmte Problemstellungen und Themen zu bearbeiten oder Ziele zu erreichen, sondern gezielt vertikale Entwicklung anzuregen beziehungsweise über einen längeren Zeitraum zu ermöglichen.

Entwicklungs-Phasen-Modelle

Psychologische beziehungsweise psychosoziale Modelle, die bestimmte Phasen des menschlichen Lebens im Sinne zeitlich aufeinander folgender Phasen beschreiben. Sie werden oft mit Stufen-Modellen in der Tradition Jean Piagets verwechselt, obwohl die Phasen nicht notwendigerweise eine Entwicklung im Sinne von psychologischer Reife beinhalten, sondern eher den Umgang mit altersbezogenen Lebensaufgaben verdeutlichen (z.B. im bekannten Modell von Erik H. Erikson).

Entwicklungs-Stufen-Modelle

Psychologische Modelle in der Tradition Jean Piagets strukturgenetischen Ansatzes. Diese beschreiben qualitativ unterschiedliche Strukturen, die sich in einer invarianten Sequenz entwickeln und hierarchisch aufeinander aufbauen. Beispiele dafür sind Jean Piagets Stufenmodell der kognitiven Entwicklung, Lawrence Kohlbergs Stufenmodell moralischen Urteilens oder Jean Loevingers Stufenmodell der Ich-Entwicklung.

Entwicklungstraumata

Dies sind  über einen längeren Zeitraum entstehende psychische/seelische Verletzungen, die sich in der Regel durch sich wiederholende Ohnmachtserfahrungen verfestigen (Trauma-Typ 2). Sie scheinen sich hindernd auf vertikale Entwicklung auszuwirken und können der weiteren Ich-Entwicklung im Wege stehen, sofern sie nicht erkannt und angemessen behandelt werden können.

Epistemologie

Erkenntnistheorie beziehungsweise Wissenschaftslehre, das heißt die Frage danach, wie man überhaupt zu Erkenntnis kommt, auf welchen Grundlagen diese beruht und wie sicher man sich dieser sein kann. Im Zuge der Ich-Entwicklung kann man vor allem im Bereich des Kognitiven Stils beobachten, wie sich die jeweils subjektive Epistemologie eines Menschen über verschiedene Entwicklungsstufen grundlegend wandelt.

F

Fundamentales Dilemma menschlichen Seins

Die Spannung, die sich aus zwei grundlegenden und im Gegensatz zueinander befindlichen Bedürfnissen eines Menschen ergibt: Einerseits das Bedürfnis nach Selbstbestimmung (Autonomie) und andererseits nach Verbundenheit (Bindung) mit anderen Menschen. Je nach Ich-Entwicklungsniveau kann mit dieser Spannung anders umgegangen werden.

Gegenmuster-Analyse

Eine spezifische Methodik (nach T. Binder), mit der das verinnerlichte Verhaltens- und Erlebensmuster herausarbeitet wird, das einem persönlich wichtigen Ich-Entwicklungsaspekt entgegensteht. Dieses Muster läuft automatisiert ab, so dass ein Mensch dem weitestgehend „unterworfen“ ist.

Die Gegenmuster-Analyse dient dazu, einen praktischen Zugriff auf dieses Muster zu erhalten und dadurch immer mehr ein reiferes Muster zu ermöglichen.

G

Grounded Theory

Ein Vorgehen, bei dem Modelle und Theorien direkt aus empirischen Daten entwickelt werden, anstatt Hypothesen aus Theorien abzuleiten, um sie dann empirisch zu testen. Die daraus abgeleiteten Forschungsstrategien ermöglichen realitätsnahe Theorien, die direkt in der Lebenspraxis fußen. Erstmal wurde dieses Vorgehen 1967 von Barney G. Glaser und Anselm L. Strauss in ihrem Buch „The discovery of grounded theory“ beschrieben.

Gütekriterien psychologischer Messverfahren

Kriterien, die der Qualitätssicherung für wissenschaftliche Erhebungen und Messungen im Bereich der Psychologie dienen. Die drei zentralen Gütekriterien sind Objektivität, Reliabilität und Validität.

H

Hidden Competing Commitments

Verborgene Selbstverpflichtungen, die das Verhalten eines Menschen im Hintergrund und unbewusst steuern und mit den bewussten Zielen konkurrieren, so dass sie diese langfristig konterkarieren (siehe Immunity to change). Sie dienen dem Selbstschutz und haben zumeist eine entwicklungsbezogene Komponente. Eine rein verhaltensbezogene Arbeit damit greift daher zu kurz.

I

Ich-Einschränkung

Ein Abwehrmechnismus, mit dem sich Menschen vor Unlust erzeugenden Erfahrungen schützen, indem Situationen vermieden werden, die diese erzeugen. Anna Freud beschreibt dessen Folgen im Buch „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ sehr prägnant: „Das Ich wird durch den Rückzug aus zu vielen Positionen einseitig, verliert Interessen und verarmt an Leistungen“. Statt möglicher Ich-Entwicklung entsteht eher „Ich-Verarmung“.

Ich-Entwicklung

Individueller Prozess der Persönlichkeitsentwicklung, d. h. wie ein Mensch sich über verschiedene Stufen seines Ichs in Richtung zunehmender Reife entwickelt. Die empirische Erforschung dessen gelang vor allem durch Jane Loevingers jahrzehntelange wissenschaftliche Arbeit.

Ich-Entwicklungs-Profil

Standardisierter Persönlichkeitstest, mit dem das Entwicklungsniveau der eigenen Ich-Struktur (Reife der eigenen Persönlichkeit) gemäß wissenschaftlicher Maßstäben diagnostiziert werden kann. In Deutschland, aufbauend auf Forschungen Jane Loevingers, durch Thomas Binder weiter vertieft, ergänzt und für Beratung und Coaching nutzbar gemacht.

Ich-Entwicklungs-Journal

Ein Format zum Reflektieren von Situationen, in denen die für sich ausgewählten Ich-Entwicklungsaspekte im eigenen Leben erfahrbar werden. Damit werden sie in der Aufmerksamkeit gehalten und Situationen festgehalten, an denen in den jeweiligen Ich-Entwicklungscoachings gezielt gearbeitet werden kann.

Ich-Struktur-Analyse

Eine vertiefende, weiter differenzierende Analyse des Ich-Entwicklungsniveaus eines Menschen (nach T. Binder). Dabei werden die spezifischen sich zeigenden oder noch fehlenden Strukturaspekte, die eine Ich-Entwicklungsstufe charakterisieren, herausgearbeitet. Denn zwei quantitativ ähnliche Ich-Entwicklungsniveaus können unterschiedliche Ausprägungen der verschiedenen Ich-Entwicklungsaspekte aufweisen. Dies hat Auswirkungen darauf, was einem Menschen auf seinem Ich-Entwicklungsniveau möglich ist.

Immunity to change

Von Robert Kegan und Lisa Lahey entwickelte Methode, mit der man herausarbeiten kann, warum trotz bester Intentionen und Fähigkeiten, keine Veränderung zustande kommt, es sei denn man bearbeitet die dahinter liegende Entwicklungsthematik.

Impulskontrolle

Dies ist ein Aspekt der Ich-Entwicklung, der sich, u.a. durch zunehmendes Bewusstsein über die verschiedenen Stufen hinweg verändert. Besteht eine generelle Impulsabhängigkeit im gesamten Lebenskontext, ist dies ein Hinweis auf eine frühe Entwicklungsstufe, die danach benannt ist (E2 = Impulsive Stufe).

Inside-Out-Ansatz

Zunächst direktes Arbeiten an der stufenbezogenen Ich-Struktur eines Menschen und ihren spezifischen Aspekten (Inside), und dann am jeweiligen Verhalten im Alltag beziehungsweise besonders relevanten Situationen (Outside).

Inter-Rater-Reliabilität

Dies gilt in der empirischen psychologischen Forschung als das wichtigste Reliabilitätsmaß für projektive Tests oder klinische Interviews (z.B. Kohlbergs Moral Judgement Interview oder Kegans Subjekt-Objekt-Interview). Damit ist das Ausmaß an Beurteiler-Übereinstimmung gemeint, wenn zwei (oder mehr) Beurteiler ein Merkmal einschätzen, wobei für dieses Maß unterschiedliche Indizes und Verfahren zur Verfügung stehen.

Interpersoneller Stil

Einer der vier Bereiche der Ich-Entwicklung, in denen sich über die verschiedenen Entwicklungsstufen hinweg eine Vielzahl von Aspekten verändert. Interpersoneller Stil bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen, wie diese verstanden werden und welche typischen Beziehungsmuster (unbewusst) eingegangen werden.

K

Kegan, Robert

US-amerikanischer Entwicklungspsychologe, Psychotherapeut (geb. 1946) und emeritierter Professor an der Harvard University. Er formulierte in seinem grundlegenden Werk „Die Entwicklung des Selbst“ wie sich die grundlegende Bedeutungsbildung, aus der man heraus wahrnimmt, fühlt und handelt, über verschiedene Ich-Entwicklungsstufen ändert. In späteren Werken (z.B. „In over our Heads“) zeigte er auf, welche Folgen dies in verschiedenen Lebensbereichen haben kann.

Kognitiver Stil

Einer der vier Bereiche der Ich-Entwicklung, in denen sich über die verschiedenen Entwicklungsstufen hinweg eine Vielzahl von Aspekten verändert. Kognitiver Stil bezieht sich auf die Art und Weise der typischerweise benutzten Denkstrukturen (z.B. stereotypisierend).

Konventionelle Ebene der Ich-Entwicklung

„Konventionell“ sollte nicht mit „konservativ“ verwechselt werden. Konventionell in diesem Sinne bedeutet, dass Menschen auf dieser Ebene weitestgehend durch ihre soziale Umwelt geprägt sind. Wie sie das tun und woran sie sich konkret orientieren, kann dabei sehr verschieden sein.

L

Loevinger, Jane

US-Amerikanische Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologin (1918 – 2008) und Professorin an der George Washington University, St. Louis. Sie arbeitete zunächst im Bereich psychologischer Messmethodik und danach im Bereich der Frauenforschung. Ab den sechziger Jahren erforschte sie ihr rein auf empirischen Daten (i.S.v. Grounded Theory) basierendes Modell der Ich-Entwicklung, dessen Weiterentwicklung sie über Jahrzehnte verfolgte.

M

Master trait der Persönlichkeit

Jane Loevinger betrachtete Ich-Entwicklung im Vergleich zu anderen Merkmalen der Persönlichkeit (z.B. sogenannte Big Five) als einen zentralen Faktor („master trait). Dies kann dadurch empirisch begründet werden, dass es ein Konstrukt ist, das eine Vielzahl von anderen Aspekten beeinflusst. Der  Persönlichkeitsforscher Dan McAdams bezeichnet das Ich in diesem Sinne auch als „Direktor der Persönlichkeit“.

Moderatorvariable

Eine vermittelnde Variable, die in empirischen Untersuchungen die Ausprägung einer oder mehrerer anderer Variablen oder deren Beziehungen zueinander beeinflusst.

O

Objektivität als Gütemaß

Dies ist eines von drei Gütekriterien empirischer psychologischer Forschung.  Sie ist das Ausmaß der Unabhängigkeit der Ergebnisse vom Untersucher und der Untersuchungssituation und bezieht sich auf Durchführung (z.B. standardisierte Testinstruktion), Auswertung (z.B. eindeutige Zuordnungskriterien) und Interpretation psychometrischer Verfahren.

Optimales Ungleichgewicht

Der Bereich von vertikaler Entwicklung, in dem Entwicklungsinterventionen bei einem Menschen am wirksamsten sind: Einerseits etwas später als das Schwerpunktzentrum der Entwicklung und andererseits nicht zu weit davon entfernt, damit die Anschlussfähigkeit der Interventionen noch gegeben ist.

Outside-In-Ansatz

Zunächst Arbeiten am Verhalten eines Menschen in besonders relevanten Situationen (Outside), und anschließend, wie dies mit der stufenbezogenen Ich-Struktur und ihren spezifischen Aspekten (Inside) zusammenhängt.

P

Persönlichkeit

Persönlichkeit bezieht sich auf die Einzigartigkeit, das heißt die spezifische Art und Weise, wie ein Mensch über verschiedene Situationen sowie einen längeren Zeitraum (Monate/Jahre) denkt, fühlt und sich verhält, das heißt mit seiner Umwelt agiert und auf sie reagiert.

Piaget, Jean

Schweizer Forscher, langjähriger Professor an der Universität Genf, ursprünglich Biologe und später in der Entwicklungspsychologie tätig (1896 – 1980). Er wandte sich früh Erkenntnistheoretischen Fragen zu. Daraus entstand ein eigenes Forschungsprogramm (Strukturgenetischer Ansatz), in dem er sich empirisch und durch neuartige Versuchsanordnungen damit auseinandersetze, wie sich Erkenntnis vom Kleinkind bis ins frühe Erwachsenenalter über verschiedene qualitativ unterschiedliche Entwicklungsstufen verändert.

Postkonventionelle Ebene der Ich-Entwicklung

Eine Ebene der Entwicklung, die ein System (z.B. Mensch, Organisation) erreichen kann, die allerdings nur wenige wirklich erreichen. Sie ist durch Multiperspektivität, Relativieren, offenem Hinterfragen von Gegebenem, Konstruktbewusstheit, Gleichzeitigkeit von Prozess und Ergebnis, Vernetzen von unterschiedlichen Aspekten etc. gekennzeichnet.

Projektives Messverfahren

Diagnostische psychologische Verfahren, die sich unbestimmter Reize (z.B. Bildmaterial, Wörter, Satzanfänge) bedienen, auf die eine zu testende Person antwortet. Dabei projiziert ein Mensch unbewusst Aspekte seiner Persönlichkeit auf das vorgegebene Material. Die Auswertung mittels projektiver Messverfahren erhobener Ergebnisse erfordert eine hohe Expertise, um den drei Gütekriterien psychologischer Messverfahren Rechnung zu tragen (Objektivität, Reliabilität, Validität).

 

R

Regression

Ein Zurückfallen in eine frühere Stufe der Entwicklung, das in der Regel temporär, also zeitlich begrenzt ist. Dieser Vorgang ist in der Regel unbewusst und kann unterschiedlich stark und unterschiedlich lang ausfallen.

Regression Deep Dive©

Eine vertikales Entwicklungsinstrument (nach T. Binder), durch die man gezielt an Regressionen (temporäres Zurückfallen auf frühere Entwicklungsstufen) arbeiten kann. Das Ziel ist, es immer mehr Freiheit von den jeweiligen Triggern und Mustern zu bekommen, die bei Regressionen sonst aktiviert werden.

Reife/Reifegrad

Ein Synonym für eine Entwicklungsstufe, die ein System (z.B. Mensch, Gruppe, Organisation) in Bezug auf den Umgang mit sich selbst, mit anderen und mit komplexen Anforderungen bisher erreicht hat und auf dem es prinzipiell zu funktionieren in der Lage ist.

„Reisen“ der Ich-Entwicklung

Von T. Binder geprägte Metaphern, um die Übergänge zwischen mehreren Ich-Entwicklungsstufen leichter erklär- und begreifbar zu machen. Sie fassen die übergreifende Thematik oder zentrale Entwicklungsaufgabe über mehrere Stufen zusammen, die sich in den vielen einzelnen, sich verändernden strukturellen Entwicklungsaspekten zeigen (z.B. Reise von E4 nach E6: Freiheit von Anderen).

Reliabilität als Gütemaß

Eines von drei Gütekriterien empirischer psychologischer Forschung, das angibt, wie genau ein Messverfahren etwas misst (Grad der Zuverlässigkeit). Dabei werden unterschiedliche Verfahren zur Reliabilitätsbestimmung unterschieden: Testhalbierungs-Reliabilität (Split-half-Reliabilität), Interne Konsistenz, Test-Retest-Reliabilität und Interrater-Reliabilität. Letztere ist vor allem für projektive Messverfahren von zentraler Bedeutung.

S

Satzergänzungstest

Ein psychometrisches Verfahren, bei dem eine Reihe von Satzanfängen beziehungsweise unvollständigen Sätzen zu ergänzen sind. Die antwortenden Personen sind dabei in Ihren Aussagen vollkommen frei und projizieren so Aspekte ihrer Persönlichkeit auf das Testmaterial. Da Satzergänzungstest projektive Messverfahren sind, ist besonderer Wert auf die Gütekriterien psychologischer Messverfahren zu legen, zudem ist eine hohe Expertise der Auswerter (Scorer) sicherzustellen, um zu aussagefähigen Ergebnissen zu gelangen.

Schwerpunktzentrum der Entwicklung

Derjenige Bereich der Ich-Entwicklung, aus dem ein Mensch in den meisten Alltagssituationen in der Lage ist zu agieren. Üblicherweise zeigen Menschen Zeichen mehrerer Stufen, allerdings mit einem klaren Schwerpunktbereich.

Scoring

Das Auswerten einzelner Satzergänzungen des I-E-Profil-Fragebogens anhand standardisierter Auswertungskriterien und -prozeduren sowie die Bestimmung des Gesamtscores eines I-E-Profil-Fragebogens, um die Stufe der Ich-Entwicklung sowie deren spezifische quantitative Ausprägung zu messen.

Soziale Erwünschtheit

Die Tendenz, sich selbst in einem „besseren“ oder sozial mehr akzeptiertem Licht darzustellen. Dies ist insbesondere ein Problem bei methodischen Verfahren, die auf freien Selbstauskünften beruhen (z.B. Interviews) oder standardisierten Fragebögen und Persönlichkeitstests, bei denen vorgegeben Aussagen nach Zustimmung/Ablehnung eingeschätzt werden.

Spiritueller Materialismus

Ein von Chögyam Trungpa geprägter Begriff: Die Täuschung des Ichs, sich geistig durch spirituelle Techniken weiterentwickeln zu wollen, während man dadurch nur weiterhin seine eigene Ich-Bezogenheit verstärkt.

Strukturelle Identitätsposition

Im Vergleich zu eher inhaltlich definierten Identitäten (z.B. durch Religion, Berufszugehörigkeit, Hautfarbe) kann man auch unterschiedliche strukturell begründete Identitätskonstruktionen unterscheiden. Diese hängen mit dem jeweils erreichten Ich-Entwicklungsniveau eines Menschen zusammen. Sie modulieren die Art und Weise, wie ein Mensch seine inhaltlich definierte Identität lebt.

Struktur-Inhalts-Vermischung

Diese besteht darin, dass ein bestimmtes Thema oder Inhalt (z.B. Partizipation, Achtsamkeit) mit einer Ich-Entwicklungsstufe gleichgesetzt wird. Jede Ich-Entwicklungsstufe besteht aber aus einem komplexen Muster unterschiedlicher struktureller Aspekte. Diese Strukturaspekte prägen die Art und Weise, wie ein Mensch in der Lage ist, mit einem beliebigen Inhalt umgehen zu können.

Stufenbezogene Handlungslogik

Spezifisches Muster eines Menschen oder sozialen Systems (z.B. Leitungsteam) zu handeln, in dem Aspekte von Reife, d.h. vertikaler Entwicklung, deutlich werden

Stufenbezogene Ich-Strukturaspekte

Die Entwicklungsaspekte, die eine jeweilige Ich-Entwicklungsstufe auf der universellen Entwicklungssequenz charakterisieren (siehe Ich-Strukturaspekte-Analyse). Da es im Zuge der Persönlichkeitsentwicklung zu fundamentalen Umstrukturierungen des Ichs kommt, handelt es sich nicht um quantitativ unterschiedliche Ausprägungen der jeweils gleichen Entwicklungsaspekte, sondern um qualitativ andere Strukturaspekte pro Ich-Entwicklungsstufe.

Stufenspezifische Reizbarkeit

Im Vergleich zu spezifischen biographischen Triggern sind dies diejenigen Themen, auf die ein Mensch, je nach erreichter Stufe seiner Ich-Entwicklung, in der Regel mit erhöhter Reizbarkeit reagiert.

Subjekt-Objekt-Gleichgewicht

Ein zentraler Begriff in Robert Kegans Theorie der Selbst-Entwicklung, der die spezifische Organisation des Selbst auf einer Entwicklungsstufe bezeichnet. Subjekt bezieht sich darauf, wodurch ein Mensch gesteuert wird und Objekt, was ein Mensch steuern kann. Dieses Verhältnis verändert sich systematisch im Zuge der Entwicklung, so dass sich Hauptstufen des Ichs/Selbst identifizieren lassen.

T

Transformation vs. Information

Dies ist eine Metapher von Robert Kegan, um die unterschiedliche Qualität von Entwicklung im Vergleich zu Lernen zu verdeutlichen. Bei In-Formation wird etwas Neues aufgenommen, die „Form“, mit der etwas aufgenommen wird, bleibt hingegen gleich. Bei Trans-Formation verändert sich hingegen die aufnehmende Struktur grundsätzlich, so dass man von einer neuen Entwicklungsstufe sprechen kann.

Transformatives Lernen

Ein Lernen, das nicht nur im Aneignen neuen Wissens besteht, sondern reflexiv ist und bei dem bestehende Annahmen oder Denkgewohnheiten neu bewertet und verändert werden. Diese ist durch Jack Mezirow in seiner transformativen Lerntheorie beschrieben.

U

Universelle Entwicklungssequenz

Eine in der Abfolge ihrer einzelnen Stufen unveränderliche Entwicklung, deren Strukturen prinzipiell kulturunabhängig sind. Dazu sind in der Wissenschaft eine Reihe von Nachweisen zu erbringen (z.B. Längsschnittuntersuchungen, Regelhaftigkeit von Antwortmustern, kulturvergleichende Studien).

V

Validität als Gütemaß

Dies ist eines von drei Gütekriterien empirischer psychologischer Forschung und gibt an, ob ein Messverfahren tatsächlich das misst, was es zu messen vorgibt. Klassisch werden dabei Inhaltvalidität, Konstruktvalidität und Kriteriumsvalidität unterschieden. Dies ist von entscheidender Bedeutung, denn ein Messverfahren kann zwar hoch reliabel sein, aber irrelevante Merkmale erfassen oder solche, die dem inhaltlichen Anspruch des dahinterstehenden Modells nicht genügen.

Verbundenheit

Eine enge emotionale Beziehung zu einem anderen Menschen oder einer Gruppe von Menschen, das Empfinden von Zugehörigkeit beziehungsweise das Gefühl in einer vertrauensvollen Beziehung zu sein. Über die verschiedenen Stufen der Ich-Entwicklung verändert sich der Stellenwert und die Qualität von Verbundenheit für einen Menschen.

Vertikale Entwicklung

Entwicklung, die in einer bestimmten Abfolge von hierarchisch aufeinander aufbauenden Stufen entfaltenden Handlungslogik abläuft – im Sinne von höherer Differenziertheit, Integriertheit und Flexibilität

Vertikale Entwicklungsaufgaben/-experimente

Extra auf die jeweilige Entwicklungsstufe zugeschnittene Aufgaben, die bewusst und planvoll Erfahrungen an der Grenze der eigenen Ich-Struktur ermöglichen und diese damit über die Zeit hinweg erweitern können.

Vertikale Organisationsentwicklung

Ein Organisationsberatungsansatz, der vertikale Entwicklung mit Elementen klassischer Organisationsentwicklung und des Change Managements verbindet. Ziel ist es, das derzeitige Funktionslevel einer Organisation/Organisationseinheit, auf dem diese bisher zu funktionieren in der Lage ist, gezielt zu entwickeln.

Vier-Quadranten-Modell

Von Ken Wilber entwickeltes integrales Erkenntnismodell, das hilft die Vielfalt von Sichtweisen auf ein  Phänomen oder Gegenstand nach Perspektiven zu ordnen: Dabei werden zwei Unterscheidungen verwendet (1. subjektiv vs. objektiv und 2. individuell vs. kollektiv) aus deren Kombination sich vier Quadranten (Felder) ergeben: Ich (subjektiv/individuell), Es (objektiv/individuell), Wir (subjektiv/kollektiv) und Sie (objektiv/kollektiv).

W

Weisheit

Ein tiefes und umfassendes Verständnis und Akzeptieren des Lebens und seiner Zusammenhänge verbunden mit hoher Urteilsfähigkeit und Eigenständigkeit im Denken und Tun. Weisheit hat insofern Überschneidungen zu Ich-Entwicklung (insbesondere die Komponente „selbstbezogene Weisheit“, weniger die Komponente „lebensbezogene Weisheit“), die empirischen Forschungen entstammen allerdings unterschiedlichen Ansätzen.

WUSCT

Das ist die Abkürzung für den von Jane Loevinger über Jahrzehnte entwickelten „Washington University Sentence Completion Test“. Er beruht auf einem projektiven Messverfahren, um die Stufe der Ich-Entwicklung valide messen zu können.

Z

Zone der proximalen Entwicklung

Die Distanz zwischen dem Bereich an Entwicklungsaspekten, die ein Mensch aufgrund seines eigenen Entwicklungsschwerpunkts von sich aus zeigt und den Entwicklungsaspekten, die i.d.R. nur mit Unterstützung von Menschen auf späteren Entwicklungsniveaus möglich wird. Dies geht auf Konzepte von Lew S. Vygotskij zurück und betont, sich auf die Entwicklungskonzepte zu konzentrieren, die in der Nähe des eigenen Entwicklungsschwerpunkts liegen.

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